Zum Kopfschütteln, Schmunzeln oder Lachen

Überflüssige Rituale am Wahlabend

Punkt 18 Uhr schlägt der Gong zur Schließung der Wahllokale. Und eines muss man anerkennen: Die erste Prognose der Demoskopen im Fernsehen stimmt fast genau mit dem späteren amtlichen Endergebnis überein. Früher mussten die Politiker bis 22 Uhr warten, bis sie sich mit einer Stellungnahme aus der Deckung trauten. Die bekommen wir heute schon zwischen 18 und 19 Uhr. Es folgen Einblendungen aus den Locations der Parteien, wo die Reaktionen der jeweiligen Fanclubs bei der Bekanntgabe der ersten Ergebnisse veröffentlicht werden. Die einen springen vor Jubel lachend an die Decke, die anderen stehen missmutig um die Bistrotische und halten sich krampfhaft am Bierglas fest.

Dann treten die Spitzenkandidaten vor die Kameras und danken erst mal den Wählern, dann den Parteimitgliedern und den vielen Helfern „draußen im Lande“, die so engagiert den Wahlkampf der Partei unterstützt haben. Darauf folgt ein artiger Glückwunsch an den Wahlsieger oder eine Bemerkung Richtung Gegenkandidat. Dies gefolgt von einer geschickt verpackten Kritik an den Medien, „… die nicht immer mit der gebotenen Ausgewogenheit …“. Gegen 18.45 dann richten sich die Kameras, wie mit den Sendern wohl zeitlich abgesprochen, der Reihe nach frontal auf die Spitzenkandidaten. Deren Beurteilung des prozentualen Wahlergebnisses erfolgt in einer der folgenden Sprechblasen:

  1. Der Sieger: Er dankt nochmals seinen Wählern und Unterstützern, ohne die das großartige Wahlergebnis nicht möglich gewesen wäre. Dies entgegen der widrigen Umstände, dem Gegenwind aus Berlin, usw. Für alles weitere sei es noch zu früh, bla, bla, bla
  2. Der Verlierer: Es hätte ja fast gereicht, aber gegenüber
    a) der letzten Wahl habe man ja zugelegt
    b) der Europawahl habe man ja zugelegt
    c) den Umfragen im Frühjahr habe man ja zugelegt
  3. Zur Koalitionsfrage: „Im Prinzip müssen alle demokratischen Parteien untereinander koalitionsfähig sein. Ich werde deshalb nächste Woche alle Parteien zu einem ersten Gespräch einladen“. Zwischenfrage: „Die Partei XYZ hat aber schon verkündet, dass sie keinesfalls mit Ihnen koalieren will“. Antwort: „Das galt vorerst doch nur für den Wahlkampf und bla, bla, bla.

Je nach Gemütslage kann der Zuschauer den Kopf über so viele Plattitüden schütteln, mitleidig schmunzeln oder herzhaft lachen. Nach der Niedersachsenwahl möchte ich dem Sieger, Ministerpräsident Stephan Weil, ein gutes Händchen bei den Sondierungs- und Koalitionsgesprächen wünschen.

Jetzt aber zur Bundespolitik: Die Kanzlerin hat nochmal betont, alles richtig gemacht zu haben während SPD-Chef Schulz den Wahlausgang als Anerkennung für die Flucht in die Opposition sah. Welch eine Fehleinschätzung! Da habe ich mit Schulz und Merkel eher Mitleid! Und die Jamaika-Partner hat der Wähler mit einem Minus dafür bestraft, dass sie drei Wochen lang taktiert und geplänkelt, aber nicht an einer neuen Regierung gearbeitet haben. Es wird Zeit!
Günter Morsbach

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