Lohn der Angst

Sie ist wieder da, die „German Angst“

1953 kam der Film „Lohn der Angst“ von Henri-Georges Clouzot in die Kinos. Kurz zur Story: Ein Freiwilliger wird ausgewählt, um einen Lkw, voll beladen mit dem Sprengstoff Nitroglyzerin, über eine Bergkette zu fahren. Dort tobt auf einer Ölquelle ein verheerender Brand, der nur durch eine Explosion in der Nähe des Brandherds „ausgeblasen“ werden kann. Ein fürstlicher Lohn winkt, der Lohn der Angst.
In Umfragen sagen 80% der Deutschen es gehe ihnen gut, viel besser als den Bürgern der meisten anderen Länder. Wow, da könnte man meinen, die Deutschen würden jubelnd ihre Regierung auf den Schultern durch die Fußgängerzonen der Städte tragen. Weit gefehlt, da ist sie wieder, die „German Angst“, jenes Phänomen, das uns weltweit als „Hosenscheißer“ etikettiert. Es steht für die Furcht vor Neuem, dem Drücken vor Herausforderungen und dem Verstecken vor Veränderungen. So wie sich kleine Kinder verstecken, in dem sie sich die Augen zu halten.

angst
Dabei hat gerade Deutschland seine Krisen immer bravourös gemeistert. Den Wiederaufbau nach dem Krieg, die Agenda 2010, die Vereinigung – kein Land hat so angepackt und alles gemeistert. Anderswo (Agenda 2010) wäre monatelang gestreikt, Gebäude abgefackelt und Regierungen gestürzt worden – wir haben angepackt und das Problem der geschwächten Wirtschaft gelöst.
Diesmal scheint alles anders zu sein. In der Flüchtlingskrise haben nach der Schockstarre die Union, SPD und die Grünen Gesetze und Regeln geändert oder Lösungen auf den Weg gebracht, um das fast unmögliche zu schaffen. Es läuft noch nicht alles gut, aber Gigantisches, an dem jedes andere Land verzweifelt wäre, ist auf gutem Weg. Das wäre Grund zum feiern, aber nein, siehe Mecklenburg-Vorpommern, die Zukunftsangst siegt. Man beneidet die, denen geholfen wird, um die Wohnung und um Beihilfen zum Aufbau eines neuen, zumindest vorübergehenden Lebens in Deutschland. Hartz IV-Empfänger würden lieber 5,- Euro mehr kassieren wollen, als Menschenleben zu retten und vom Schicksal bestraften Menschen zu helfen.
Den „Lohn der Angst“ kassieren die, die hemmungslos hetzen, wie die AfD oder Seehofer. Diejenigen, die mithelfen, die Probleme zu lösen – wie oben der freiwillige Lkw-Fahrer – werden abgestraft. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“ schrieb Heinrich Heine in seinen „Nachtgedanken“. Ich selbst schlafe gut, aber kann über viele liebe Deutsche Landsleute nur den Kopf schütteln.

Günter Morsbach
Dieser Essay ist in der Huffington Post in dieser Woche unter dem Titel „Gekippte Stimmung – die German Angst ist wieder da“, erschienen.

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