Vom Reiz der 3. Lebenshalbzeit

Festvortrag Professor Dr. Helmut Haussmann anlässlich der Verleihung Ehrenpreis für Lebenswerk des Dr. Theo und Friedl Schöller Forschungszentrums für Wirtschaft und Gesellschaft am 11. Juni 2015 im Museum Industriekultur, Nürnberg.

Lieber Kollege Michael Theurer, MdEP, sehr geehrte Frau Möslein, lieber Herr Amberg, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Beckstein, sehr geehrter Herr Hattenberger, liebe Preisträger, verehrte Festversammlung!

Herzlich willkommen beim renommierten Forschungszentrum Dr. Schöller in diesem besonderen Rahmen. Ihr Kommen ist für mich eine besondere Ehre: Zeit und Wertschätzung sind mit das Höchste was Menschen sich schenken können.

Nun aber kommt mein Problem: Kurzer Festvortrag anlässlich Preis für Lebenswerk: War’s das schon? Soll man jetzt abtreten? Soll man die so gut tuende hohe Drehzahl drosseln? Ab in den verdienten Ruhestand! Dieses für mich schreckliche Wort „Ruhestand“, von dem mein geschätzter Kollege und Freund Norbert Blüm 79jährig sagte: „Wie abwertend. Als würde man schon am Rande des Grabes darauf warten, dass man reingeschubst wird!“ Nein, also das kann es nicht gewesen sein. Da kommt noch was! Aber was?

Es kommt mein sperriges Thema: Vom Reiz der 3. Lebens-Halbzeit. Wie das?

Fakt ist, dass die Menschheit innerhalb des Zeitraums nur eines Menschenlebens mehr Lebenszeit gewonnen hat wie ihn zehntausend Jahren zuvor! Und was macht die Politik, die Gesellschaft und wir selbst daraus? Meines Erachtens zu wenig! Es handelt sich um nicht weniger als um eine kulturelle Revolution und eine Chance für die Neuvermessung von Chancen: Ja, es wurde uns eine 3. Lebens-Halbzeit geschenkt. Aber wir denken, leben, handeln in den alten Kategorien. Jugend = Aufbau; Arbeit = Alter = Ende.

Wie fühlen sich die Menschen in der 3. Lebens-Halbzeit?

Ich zitiere aus der aktuellen demoskopischen Studie (Allensbach, Zukunftsfonds Generali); Merkmale der heute 65 – 85Jährigen:

  • Historisch einzigartige, aktive Generation.
  • Mehrheitlich optimistisches Lebensgefühl.
  • Politisch interessierter als Jüngere.
  • Autonomie als höchster Wert.
  • Aber: Verlust der Persönlichkeit in der öffentlichen Wahrnehmung! Die 65- 85Jährigen engagieren sich stark familiär, ehrenamtlich und kulturell, finden aber in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft keine echten, anerkannten gewollten Mitwirkungsmöglichkeiten.
  • Höherer Bildungsgrad als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Meines Erachtens auch typisch: Nur Berühmtheiten oder institutionelle Autoritäten werden akzeptiert, wie Papst mit 79, die Queen mit 89, Modeschöpfer Lagerfeld mit 81, Adenauer begann mit 73 und regierte bis 87, Helmut Schmidt ist 96; soll er weitermachen? Bundespräsident Gauck ist 75 und überlegt zweite Amtsperiode. Schon kommt die verräterische Frage: Kann er überhaupt weitermachen?

Nur solche institutionelle Autoritäten werden als wichtig, einflussreich, ja eigentlich alterslos anerkannt. Gleichaltrige, „normale“ Persönlichkeiten, wie wir, eher abwertend distanziert.

„Ja, immer noch aktiv“? – „Kann es wohl nicht lassen“. – „Soll Platz machen für Jüngere“, usw.

Warum ist das so? Warum baut man diese gebildete, erfahrene, optimistische Generation nicht aktiv in unsere Gesellschaft ein?

Warum klagt man über nachlassende Geburtenraten, Generationskonflikte, Wutbürger, Zwangsverrentung? Es gibt zu wenige Arbeitskräfte im arbeitsfähigen Alter von 63.

Warum sieht man nicht auch die immensen, volkswirtschaftlichen Vorteile des Beitrags dieser Menschen in der 3. Lebens-Halbzeit.

Meines Erachtens fehlt uns eine positive gesellschaftspolitische Zukunfts-Vision mit einer Neu-Vermessung von Lebenschancen und Beteiligung. Hier fehlt ein Ralf Dahrendorf – mein Vorbild – der große liberale Soziologe, Manager und Politiker, der auch mit 70 Jahren Leiter in Oxford war, gleichzeitig im britischen Oberhaus und neue Gesellschaftsentwürfe entwarf.

Ich kann hier nur 3 Elemente dieses neuen Modells skizzieren:

Erstens: Wir müssen alle länger, aber anders arbeiten: statt quantitativer Ausstoß mehr qualitative Vertiefung. Japan und Skandinavien als Vorbild. Ich zitiere aus der „Altersberichtskommission der Bundesregierung“: Die bisherige Drei-Teilung in vorbereitende Zeit der Bildung, aktive Berufszeit und spätere passive Altersfreizeit muss aufgegeben werden. – Bundespräsident Gauck (75 Jahre!) fordert zurecht eine Neustrukturierung des Lebenslaufes und eine Neuverteilung der gesellschaftlichen Chancen zwischen den Generationen. Wenn dies unbestritten ist, dann erfordert dies

zweitens von uns in der 3. Lebens-Halbzeit andere Verhaltensweisen: Wir selbst müssen ein reflektiertes, attraktives Angebot an die Gesellschaft machen, das fehlt.  Nämlich Lebenserfahrung, Weisheit, Entschleunigung an eine Gesellschaft, die heiß gelaufen ist, die sich im Wachstum verzehrt, die gefährliche Erschöpfungserscheinung zeigt.

Drittens ergibt dies den wichtigen Beitrag zu einem neuen gesellschaftlichen Gleichgewicht. Weltmäßigung nennt dies der bemerkenswerte, in der Schweiz lebende 74jährige Soziologe Peter Gross. Weltmäßigung sicher ein großes Wort, es geht auch einfacher: Die neu hinzu gewonnene Zeit sollten gesellschaftlich sinnvolle und nicht einfach genussvolle Jahre werden. Unser Engagement sollte von den anderen Generationen gewollt, gebraucht, aber auch wertgeschätzt sein. Ich bin mir sicher: Der Beitrag von uns Lebenserfahrenen zur realen Entschleunigung ist notwendiger denn je in dieser sich abzeichnenden hektischen Multioptionsgesellschaft, die digital immer virtueller wird. Dies ist das essentielle Neue.

Daher, egal in welchem Alter, entdecken Sie den Reiz der 3. Lebens-Halbzeit!

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