Wenn Deutschland hyperventiliert

Freihandelsvertrag TTIP und die deutsche Seele.

TTIP HuhnAm 30. Mai 1968 verabschiedete der deutsche Bundestag die sogenannten Notstandsgesetze. In der Vorbereitungsphase der Gesetzgebung kam es zu den großen 68-er Unruhen. Nach der Verabschiedung hörte man nie wieder etwas von diesem Gesetzespaket. Im Jahr 1981 versetzte ein SPIEGEL-Artikel Deutschland in Angst und Schrecken. Zu einem Schwarz-Weiß-Foto auf dem Titelblatt tauchte zum ersten Mal das Wort „Waldsterben“ auf. Der geliebte deutsche Wald, Heimat der Jäger-Wilderer-Wandervögel-Romantik, soll im Koma liegen? Zur großen Enttäuschung der Pessimisten wurde aber nichts daraus, das Waldsterben musste abgesagt werden. 1983 brachte der Nachrüstungsbeschluss (Pershing 2) die Seele zum Kochen. Am 26. April 1986 kam Kassandras große Stunde, die Kernschmelze in Tschernobyl. Kein politisch korrekter Deutscher aß mehr Salat, während sich jenseits der Grenzen in Frankreich und Italien die Tische der  Salatbuffets bogen.

Eine vom Gesetzgeber verordnete Volkszählung am 16.05.1987 brachte die berühmte Volksseele wieder zum Kochen. Der Strichcode wurde zum Kampfsymbol gegen die Preisgabe privater Daten. Ganz ohne Zwang geben wir heute dem Weltkonzern Google ein Vielfaches an privaten Informationen. Dann traf es wieder die Ernährungsbranche. 1992 wurde in Großbritannien die Rinderseuche BSE entdeckt. Plötzlich war Rindfleisch bei uns verpönt und wurde boykottiert. 37.000 Rinder wurden getötet und verbrannt.

Es folgten 13 Jahre frei von Hysterie bis nun das geplante Freihandelsabkommen TTIP mit den USA ins Gerede kam. Es wird ein Schlager für die Straßenprotestler werden. Der erste Anlauf mit dem vermeintlichen Hit „Chlorhühnchen“ ging daneben, da diese Methode vielleicht doch weniger gesundheitsschädlich ist als unsere Antibiotika-Hühnchen. Die zum Investorenschutz diskutierten Schiedsgerichte außerhalb der bestehenden Justiz sind für uns fremd, deshalb verdächtig und  suspekt. Solche Gerichte, die bereits im NAFTA-Abkommen zwischen USA, Mexiko und Kanada fest geschrieben wurden, sind in den vergangenen 16 Jahren praktisch nie richtig genutzt worden. Irgendwie ist es aber verständlich, dass Investoren sich vor willkürlichen Gesetzen im Geltungsbereich solcher Abkommen schützen müssen. Mit Rücksicht auf die deutsche und europäische Seele kann man das sicher auch anders regeln.

Die deutsche Volkshysterie ist ein wichtiges Kulturgut. Man kann sie belächeln, verstehen oder bekämpfen. Am Beispiel TTIP wird sich wieder einmal zeigen, wie mühsam die Zustimmung zum Fortschritt ist. Aber vielleicht liebt uns die Welt auch wegen unserer kleinen Macken.

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