Der Bundestag – Unser Langweilodrom

Leere Stühle, Zeitungsleser, Handynutzer oder gähnende Abgeordnete, dieses Bild vermitteln TV-Einblendungen aus dem Bundestag. Trotzdem soll ein Parlamentsfernsehen her. Geht es auch anders?

ParlamentWolfgang Börnsen war bis vor kurzem Mitglied der Unionsfraktion und fordert „Wir brauchen ein Parlamentsfernsehen“. Warum ein eigenes Programm? Er meint, die Zuschauer würden heute politisch in erster Linie über Talkshows informiert (bis dahin richtig) und in eigenen Parlaments-Talkshows könnten mehrere Abgeordnete zu Wort kommen, nicht immer nur die gefühlt 25 gleichen Politiker (auch was wahres dran). Aber braucht man dafür einen eigenen Kanal mit dem ganzen Kostenblock?
Schauen wir uns doch zuerst mal an, welchen Eindruck der Bundestag auf uns bei Einblendungen in den üblichen TV-Nachrichtensendungen macht. Wir sehen viele freie Stühle, Zeitung lesende und SMS schreibende, tuschelnde oder gar telefonierende Abgeordnete, dazu eine Gähnkultur. Als Erklärung hören wir immer wieder, dass die Abgeordneten ja zusätzlich in Ausschüssen und Fraktionsgremien arbeiten würden, aber sind die terminlichen Überschneidungen dann nicht Missmanagement? Auf das Zeitungslesen und die Handynutzung angesprochen sagen die Damen und Herren, die Argumente der Parteien kenne man ja schon aus der Ausschussarbeit, da käme nichts neues mehr. Also, geht es wirklich nicht anders? Einerseits liegt das an der Qualität der Redner, man erinnere sich an die streitbaren, wortgewaltigen Parlamentarier Strauß, Wehner, Brandt, Barzel, Schmidt, Schröder und Joschka Fischer. Aber das ist es nicht alleine. Unser Parlament ist durch Benimm- und Sittenverfall verlangweilt.

Blicken wir doch mal ins Ausland. Nein, nicht in die Ukraine, wo die Fraktionen unterschiedliche Meinungen auch mal per Faustkampf austragen und sich mit Aktenordnern verprügeln. Nehmen wir doch mal die traditionsreiche britische Demokratie. Haben Sie schon mal die Bilder aus dem House of Parliaments gesehen? Die Fraktionen sitzen sich Auge in Auge gegenüber, mit nur wenigen Metern Abstand. Alle Plätze sind belegt, in vorderster Front sitzen der Premierminister und der Oppositionsführer. Es gibt nur wenige vorgefertigte Reden, dafür mehr spontane Debattenbeiträge, knackig und emotional formuliert, Streitkultur auf hohem Niveau. Der Premier kann es sich nicht leisten, während der Sitzung eine SMS zu schreiben und der Oppositionschef kann keine Zeitung lesen. Es geht also auch anders als in Berlin.
Kein Wunder also, dass bei uns die Parlamentsdebatten in die Talkshows verlegt wurden. Aber um die Politik wieder erlebbar zu machen, brauchen wir kein Parlamentsfernsehen, das Erscheinungsbild des Parlaments gehört reformiert. „Erlebnis Bundestag“ wäre ein schöner Arbeitstitel für eine lebendige, spannende Parlamentskultur, die Zusammenschnitte eines Sitzungstages könnten manche Talkshow überflüssig machen und die Fernsehsender sollten danach Schlange stehen!

-gm

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