TI AMO, BELLA ITALIA

Wir Deutsche lieben Italien, wir sind Italiener-Versteher und schauen bei Italiens Problemen gerne mal weg. Kann das so bleiben?

ItalienGehen Sie in eine griechische, türkische Kneipe oder zum „Jugo“ und begrüßen den Wirt in seiner Heimatsprache? Wohl eher selten, aber beim Italiener werden wir italienisch begrüßt, antworten genauso mit den bekannten Höflichkeitsfloskeln und parlieren gerne noch weiter in unserem mehr oder weniger gepflegten Italienisch. Mario, Gianni oder Salvatore erklären ihre „Spezialitäten“ und sie dürfen uns duzen. Sabine Thiesler* hat in Ihrem Buch “Basta Amore“ sehr informativ und witzig über das deutsch/italienische Verstehen geschrieben. Zum Beispiel, dass der Italiener auch bei Erdbeben und Vulkanausbrüchen immer pünktlich um 13 Uhr zu Mittag isst, sonstige Termine nur als ungefähre Orientierung versteht, ohne Maßband Maß nimmt. Er akzeptiert, dass der Notruf des Automobilclubs ACI drei Tage lang den Anrufbeantworter laufen hat, Krankenhauspatienten von der Familie verpflegt werden müssen und vieles mehr. Auf der internationalen Korruptionsliste belegt Italien Platz 69, hinter Ghana und Ruanda. Die Italiener bewundern die Deutschen wegen ihrer Pünktlichkeit, applaudieren gerne unseren Fußballern, sofern sie nicht gegen Italien spielen und bewundern, dass wir unsere Rechnungen auch bezahlen. Ja, sie tolerieren sogar, wenn Deutsche Spaghetti mit dem Messer schneiden und mit dem Löffel essen, Hauptsache der Deutsche lobt die heimische Küche.
Soweit, so gut. Im Gegenzug ignoriert der Deutsche, dass in Italien immer ein Konstrukt aus Parteien und Mafia an der Macht war, EU-Gelder für Infrastruktur und Katastrophenopfer einfach verschwanden, Inflation und Abwertung Jahrzehnte lang als kreative Finanzpolitik galt. Dann kam der Euro und der Spuk war beendet. Ein Glücksfall für Italien war es dann, dass der Italiener Mario Draghi die Führung der Europäischen Zentralbank übernahm, das „Miracolo“ (Gelddrucken und Minizins) einführte, also die Schulden Italiens sich zwar weiter erhöhten aber gleichzeitig die Zinslast sank. Die Staatsschuld stieg innerhalb von 10 Jahren von 1,4 auf 2 Billionen Euro.
In einem Handstreich eroberte Matteo Renzi, der junge und hyperaktive neue Regierungschef von den Sozialdemokraten das Amt des Ministerpräsidenten. Er kündigte viele Reformen an, wohl wissend, dass die italienische Politik diese verzögern, zerfleddern und ausbremsen wird. All seine Ankündigungen verband er mit der Forderung an die EU, Italien mehr Zeit zu gewähren und eine nochmalige Steigerung der Verschuldung zuzulassen. Achtung, Falle! Italien soll erst mal echte, schmerzhafte Reformen umsetzen. Das Land hat noch nie steigende Schulden genutzt (wie die meisten anderen auch) um mit diesem Geld gravierende Veränderungen durchzuführen.
Und wir? Keine Frage, lasst uns an Adria und Riviera fahren oder zu Salvatore ums Eck gehen, im Herbst schauen wir uns dann Renzi und Draghi nochmal an. Salve!

-gm

*Gute Urlaubslektüre:
Sabine Thiesler „Basta Amore“,
Heyne Verlag, 8,99 Euro

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