Wulffs Erzählungen und die Macht der Folterknechte

Die handwerklichen Methoden der Folterer haben sich geändert, nicht die Ziele. Skrupellose Medien und selbstverliebte Staatsanwälte ruinieren Menschen wie Christian Wulff

„Ganz oben Ganz unten“ betitelte Ex-Bundespräsident Wulff“ sein Buch über die Zeit zwischen 2012 und heute. „Ganz oben“ will er so verstanden haben, dass er zum obersten Repräsentanten der Bundesrepublik gewählt war und „ganz unten“ stehe dafür, dass er am 17, Februar 2012 seinen Rücktritt erklärte und Anfang dieses Jahres wegen Vorteilsnahme vor Gericht stand.

Foto: Wolfgang Kumm dpa

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Nun sucht er mit seinem Buch eine schmale Gratwanderung zwischen Rechtfertigung, Erklärung und Abrechnung, auch wenn er dieses Wort bei seiner Buchvorstellung von sich gewiesen hat. Hauptpunkt seiner Kritik ist das Zusammenspiel zwischen Medien und Staatsanwaltschaft. „Die Gewaltenteilung funktioniert nicht mehr…“, so Wulff in der Pressekonferenz. Wo der Mann Recht hat, hat er Recht! Es ist schon eine brisante Mischung, wenn Medien, an der Spitze der Springer-Konzern, mit der Staatsanwaltschaft eine Aktionseinheit eingehen, um einen Menschen in der Öffentlichkeit fertig zu machen. Bei den Medien ist das Motiv die Steigerung von Auflage und Reichweite, also die Gewinnmaximierung, kaufmännisch OK aber moralisch unterste Schublade. Bei den Staatsanwälten im Fall Wulff ist das völlig anders, hier wurden Regeln gebrochen. Staatsanwälte sind Organe der Justiz, der dritten Säule unseres Rechtsstaats und damit eben nicht privaten und wirtschaftlichen Interessen verpflichtet. Wenn sich, wie in dem Fall Wulff, eitle Staatsanwalts-Gecken im Internet und vor den Medien aufplustern, Ermittlungsergebnisse Journalisten zukommen lassen (wurde wegen Verrats eigentlich ein Justizangestellter angeklagt?) und so fast täglich Vorverurteilungen anschwellen lassen, hat das noch irgend etwas mit der Rolle der Ankläger zu tun oder ist das eine rechtsfremde Personalityshow?

Die Rolle der Presse verdient nach dem Fall Wulff eine genaue Analyse. Geht das Informationsbedürfnis der Bevölkerung so weit, dass man im Vorfeld von Ermittlungen und Verfahren das Leben eines Menschen, einer Familie unwiderruflich zerstören darf? Und das wegen lächerlicher Verdächtigungen wie BobbyCars, Upgrading und einer freundschaftlichen Einladung. Man denke nur an die vorlaute ZDF-Journalistin Bettina Schausten, die Wulff im Interview vorhielt, sie selbst würde bei ihren Freunden für eine Übernachtung Geld bezahlen. Gott behüte uns vor solchen Freunden!

Wenn diese und andere Lappalien nach dem Vorbild der mittelalterlichen Folterknechte schmerzhaft zur Erzwingung eines Gerichtsverfahrens und der persönlichen Demontage eingesetzt werden, ist das noch tolerabel?

Haben Leute, die sich als „Enthüllungsjournalisten“ bezeichnen und innigst mit karrieregeilen Staatsanwälten kollaborieren, das Recht, vor und außerhalb der Gerichte öffentliche Vorverurteilungen – eine mediale Lynchjustiz – zu verursachen?

Unser Fazit: Wulff ist zurecht zurück getreten, er hätte vorsichtiger sein müssen, auch wenn die öffentliche Hinrichtung unmoralisch und unmenschlich war. Die Folterknechte und Denunzianten laufen frei herum und haben bis heute kein Wort der Entschuldigung von sich gegeben. Schämt euch!

-gm

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